1. Die frühkindlichen Reflexe

1.1 Verbindung der Reflexe mit den sensorischen Systemen

1.2 Sensorische Verbindung zu den primitiven Reflexen und Haltungsreflexen

 

2. Auswirkungen persistierender frühkindlicher Reflexe

2.1 Der Furchtlähmungsreflex (Rückzugsreaktion)

2.2 Der Moro-Reflex

2.2.1 Auswirkung des persistierenden Moro-Reflexes

2.3 Der Such- und Saugreflex

2.3 1 Auswirkungen eines persistierenden Such- und Saugreflexes

2.4 Der Palmar-Reflex

2.4.1 Folgen eines persistierenden Palmar-Reflexes

2.5 Der Plantar-Reflex

2.5.1 Folgen des persistierenden Plantar -Reflexes

2.6 Der Asymmetrisch Tonische Nackenreflex

2.6.1 Auswirkungen eines persistierenden ATNR

2.7 Der Tonische Labyrinthreflex

2.7.1 Folgen eines persistierenden TLR

2.8 Der Symmetrisch Tonische Nackenreflex

2.8.1 Folgen eines persistierenden STNR

2.9 Der Spinale Galantreflex

2.9.1 Folgen eines persistierenden Spinalen Galantreflexes

 

3. Literaturverzeichnis

 

4. Fragebogen

 

 


Diese besondere Therapie und Förderung, und damit verbunden die Forschung und Kenntnisse über das Persistieren frühkindlicher Reflexe, geht zurück auf Peter und Sally Goddard Blythe (www.inpp.de).

1. Die frühkindlichen Reflexe

 

Die Geburt eines Kindes stellt eine große Herausforderung an dasselbe dar, da sich die gesamte Umgebung nun plötzlich ändert. Auf einmal wird es ganz vielen, ihm noch nicht bekannten Einflüssen ausgesetzt, deren Sinnesreize es  nicht versteht und auf die auch keine adäquate willentliche Reaktion möglich ist. Um überhaupt überleben und richtig auf die Umwelt reagieren zu können, ist das Neugeborene mit einer Reihe frühkindlicher Reflexe ausgestattet. Die Reflexe sind automatische, stereotype Bewegungen, die vom Gehirnstamm gelenkt und ohne Beteiligung des Cortex ausgeführt werden. Sie sind Antworten auf äußere Reize, die in einem bestimmten Muster erfolgen. Diese hervorgerufenen Antworten - in der Regel Bewegungen - kann das Kind nicht willentlich steuern, da sie von der untersten Ebene, nämlich dem Hirnstamm, gesteuert werden. Eine kortikale Kontrolle ist aus diesem Grunde nicht möglich. Diese Reflexe sind intrauterine oder entstehen zum Zeitpunkt der Geburt (uterin). Sie sind zum Zeitpunkt der Geburt auf ihrem Höhepunkt und sollten mit spätestens 12 Monaten gehemmt werden. Die späteren Halte- und Stellreaktionen entwickeln sich über die Hemmung der Reflexe, da der Tonus, das Gleichgewicht und der vestibulo-ocalere Reflexbogen sich adäquat entwickelt haben. Die Reflexe bilden also ein Training für viele willensgesteuerte Fähig- und Fertigkeiten. Sie werden von passiven, reflektorischen Antworten in willentliche Bewegungen umgewandelt, so dass sich die Halte- und Stellreaktionen entwickeln können. Diese bleiben auch ein Leben lang erhalten. Die frühkindlichen Reflexe werden also durch höhere Gehirnzentren gehemmt und kontrolliert. Durch die Erlernung bestimmter motorischer Muster kommt es zu einer Vernetzung und Myelinisierung neuronaler Strukturen, die die kortikale Kontrolle und damit willentliche Reaktion ermöglichen.

Der Umkehrschluss besagt also, dass bei einer Aktivität frühkindlicher Reflexe über das erste Lebensjahr hinaus, eine Unterentwicklung des Zentralen Nervensystems besteht. Untergeordnete Hirnbereiche haben hier noch die Kontrolle und behindern eine willentliche Steuerung. Dies kann zur Folge haben, dass sich die Halte- und Stellreaktionen ebenfalls nicht richtig entwickeln, welche hinsichtlich der Schwerkraft wichtig sind. Unreife Verhaltensmuster werden erhalten bleiben und sich beim Erlernen neuer Fertigkeiten negativ auswirken. Sowohl die Art der Störung als auch die Stärke ihrer Ausprägung ist von der noch vorhandenen Reflexaktivität und der damit verbundenen schlechten Organisation der Nervenzellen abhängig. Es können mehrere Funktionsbereiche betroffen sein wie beispielsweise die Grob- und Feinmotorik, die Koordination, das Sprachvermögen, die Kognition und die sensorische Wahrnehmung. Um effektiv und effizient arbeiten zu können, müssen die grundlegenden Fertigkeiten gegeben sein, damit Abläufe automatisiert werden und ohne große Anstrengung ausführbar sind. Andernfalls geht über die große Anstrengung, die Kinder aufbringen müssen, um eine Aufgabe zu erfüllen, viel wertvolle Energie verloren. Da es einen Zusammenhang zwischen den Fertigkeiten und den Reflexen gibt, lässt sich im Grunde voraussagen, welche mögliche Einschränkung eine Person mit persistierenden Reflexen haben könnte. Wenn man einen Säugling beobachtet, sieht man, dass eine neue Fertigkeit unmittelbar nach der Hemmung eines Reflexes erworben wird. Man kann also sagen, welche Fertigkeit aufgrund eines bestehenden Reflexes beeinträchtigt sein kann. Demzufolge ist eine gezielte Förderung möglich, da die Ursache bekannt ist. Hierbei muß man natürlich von anderen Therapiemöglichkeiten abgrenzen, da Bobath oder Voijta eher symptomatisch arbeiten, indem Bewegungen angebahnt und trainiert werden. Der zugrunde liegende Reflex wird nicht ausgereift und gehemmt, sondern ein starres Bewegungsmuster wird solange einstudiert, bis dies automatisiert wird. Liegen mehrere frühkindliche Reflexe zugrunde, so spricht man von einer neurophysiologischen Entwicklungsförderung. Es empfiehlt sich dann, ein Reflexprofil zu erstellen und durch die Therapie, die auf dem Prinzip der Ausreifung und Hemmung basiert, eine grundlegende Verbesserung neuronaler Strukturen zu erreichen.  Jeder Reflex ist von Wichtigkeit, da er spätere Funktionen vorbereitet. Um zu verstehen, warum ein Kind gewisse Dinge nicht kann oder besondere Probleme in verschiedenen Bereichen hat, muss man wissen, welche eigentliche Aufgabe der jeweilige Reflex hat. Reflexe bilden sich nach der Entwicklung des Nervensystems, nicht des tatsächlichen Alters. Insofern sind sie wichtige Indikatoren, wenn es darum geht, die Reife des Gehirns zu beurteilen.

 

Abb. Frühkindliches Reflexprofil

 

 

 



1.1 Verbindung der Reflexe mit den sensorischen Systemen

 

Moro: vestibuläres, taktiles, auditives, visuelles, olfaktorisches System, Bewegungssinn

Palmar- und Plantar-Reflex: taktiles System

ATNR: vestibuläres, auditives System, Bewegungssinn

Spinaler Galant: taktiles System, auditives System

Such- und Saugreflex: taktiles System

TLR: vestibuläres System, auditives System, Bewegungssinn

Abdominalreflex/Babinski-Reflex: taktiles System

AKR: vest. System, visuelles System, Bewegungssinn

Labyrinth-Kopfstellreflexe: visuelles System, Bewegungssinn

Landaureflex: vest. Reflex, Bewegungssinn

Amphibienreflex/seg. Rollreflex: Bewegungssinn

STNR: vest. System, visuelles System, Bewegungssinn

 

1.2 Sensorische Verbindung zu den primitiven Reflexen und Haltungsreflexen

 

Vestibuläres System:    Moro, TLR, ATNR, STNR, Labyrinth-Kopfstellreflexe, Landau-Reflex

Taktiles System:           Moro-Reflex, Such- und Saugreflex, Palmar- und Plantar-Reflex, Spinaler Galantreflex

Auditives System:         Moro,TLR, Spinaler Galantreflex, ATNR

Visuelles System:         Moro, TLR, Augen-Kopfstellreflexe, ATNR, STNR

 


2. Auswirkungen persistierender frühkindlicher Reflexe

 

 

2.1 Der Furchtlähmungsreflex (Rückzugsreaktion)

 

Der erste Reflex entwickelt sich in der 5. SSW bis er in der ca. 9. SSW vom Moro-Reflex „abgelöst“ wird. Der Embryo reagiert in der 5. Woche auf Berührungsreize mit einem amoebenhaften Rückzug des gesamten Körpers. Anfangs ist eher der Gesichtsbereich empfindlich, bevor sich der Bereich auf die Arme und Beine bis hin zur gesamten Körperoberfläche ausbreitet. Diese Rückzugsreaktion nimmt durch die Entwicklung des taktilen Bewusstseins stetig ab, so dass sich nun die Entwicklung der frühkindlichen Reflexe vollziehen kann. Der erste Reflex, der nun reift, ist der Moro-Reflex.

 

 

2.2 Der Moro-Reflex

 

 

Der Moro-Reflex entsteht in der 9. SSW, ist bei der Geburt vollständig vorhanden und wird im 2.-4. Lebensmonat gehemmt. Die Auslösung dieses Reflexes kann über mehrere Kanäle erfolgen; auditiv, olfaktorisch, visuell, vestibulär und taktil. Da der Moro eine Art „Alarmreflex“ ist, der das Baby schützen soll, wird er bei plötzlichen, unerwarteten Ereignissen ausgelöst. Er ist eine unwillkürliche Antwort auf Bedrohung, die der Säugling noch nicht analysieren kann. Die Auslösung erfolgt über den Hirnstamm und sichert das Überleben. Durch das Auslösen der Kampf- und Fluchtreaktion werden Adrenalin und Cortisol freigesetzt. Dies sind Stresshormone, die durch die Aktivierung des sympathischen Nervensystems ausgeschüttet werden. Es kommt zum Ansteigen der Atemfrequenz, zum Beschleunigen des Herzschlages, zur Erhöhung des Blutdrucks, zum Erröten und zur Hyperventilation. Nach dem Auslösen können sich emotionale Reaktionen wie Lachen, Weinen oder Wut zeigen. Es kann nun aber passieren, dass dieser Reflex aufgrund von intrauterinen Fehlentwicklungen nur schwach ausgeprägt ist, da die persistierende Rückzugsreaktion die Ausreifung des Moro behindert. Die typische Moro-Reaktion sieht so aus, dass der Säugling bei Bedrohung kurz erstarrt, den Mund öffnet und schnell einatmet, und sogleich die Arme nach oben außen streckt. Es kommt dann zu einem Schrei (Ausatmung) und unmittelbar danach zu einer Beugung und einem Zusammenschluss der Arme. Wenn es intrauterin zu Problemen gekommen ist, kann es sein, dass der Moro später nur schwach  ausgeprägt ist, was die normale Reaktion in dem zweiten oder allen beiden Reaktionen beeinflusst. Manche Wissenschaftler glauben, dass der plötzliche Kindstod damit zu erklären ist. Man geht davon aus, dass der Moro im Mutterleib die ersten Atembewegungen trainiert und für den ersten Atemzug verantwortlich ist. In der Praxis wird jedoch durch einen Klaps nachgeholfen.

 

 

2.2.1 Auswirkung des persistierenden Moro-Reflexes

 

Ein persistierender Moro-Reflex sorgt dafür, dass sich das Kind in einer permanenten Alarmbereitschaft befindet, d.h. dass das Kind eine Hypersensitivität entwickelt und auf viele Reize überreagieren wird (Abneigung gegen unerwartete, plötzliche Ereignisse). Das Kind befindet sich aufgrund des erhöhten Adrenalin- und Cortisolspiegels in einer permanenten Flucht- und Kampfbereitschaft. Bedingt durch den Reflex kommt es zur Ausschüttung dieser Hormone, wodurch diese Alarmbereitschaft wiederum verstärkt wird. So kommt es zu einer Überreaktion wodurch nun wieder verstärkt Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet werden. Es kommt zu einem erhöhten Herzschlag, zur stärkeren Durchblutung, zur Pupillenerweiterung. Diese Erregung kostet viel Anstrengung, wodurch das Kind einige Einbußen in puncto Konzentration, Kraft, Ausdauer und emotionaler Stabilität haben wird. Außerdem kommt es zu einer Anspannung, die sich auf die Atmung niederschlägt. Es kommt durch die Anspannung zu einer Verspannung der Bauchmuskulatur, was zu einer oberflächlichen Atmung und damit zu einer verminderten Sauerstoffzufuhr führt. Diese Kinder sind ebenfalls besonders kritikempfindlich, weil sie intuitiv wissen, dass sie ohnehin nichts ändern können. Alles muss planmäßig verlaufen (Abneigung gegen Veränderung) und ein Ablauf muss geordnet sein (verringerte Anpassungsfähigkeit). Entscheidungen können schwer getroffen werden, weil es immer zu viele Möglichkeiten gibt und alles anders verlaufen könnte als geplant. Nichtsdestotrotz streben diese Kinder zum Perfektionismus, haben dabei aber ein eher geringes Selbstwertgefühl. Die Persönlichkeit kann sich in zweierlei Hinsicht zeigen: entweder sind solche Kinder besonders ängstlich, scheu und/oder introvertiert oder sie sind extrovertiert, dominant und schnell aufbrausend. Sie reagieren auf diese Reizüberflutung mit Wut und Zorn, während die anderen sich eher zurückziehen. Eines haben aber beide Kinder gemeinsam: Sie versuchen Strategien zu finden, um sowohl die Menschen als auch die Situationen zu manipulieren. Sie brauchen Kontrolle, da nur diese ihnen eine emotionale Stabilität gibt und sie vor Überraschungen schützen kann. Ein Kind mit einem persistierenden Moro-Reflex ist schnell reizüberladen, da es durch die Hypersensitivität stimulusgebunden sein wird. Das bedeutet, dass man durch einen anderen Reiz schnell abgelenkt wird. Diese Kinder können nicht mit der nötigen Konzentration arbeiten, da ihnen die Filterung fehlt. Alle Reize strömen ungefiltert herein, und das Kind lässt sich dadurch negativ beeinflussen. Es kann nicht fokussieren und ist deswegen schnell ablenkbar wie beispielsweise im visuellen oder auditiven Bereich. Das Kind lässt sich von Randbereichen ablenken (Stimulusgebundenheit) und hat Probleme, die verschiedenen Merkmale einer Sache herauszuarbeiten (z.B. Figur-Hintergrund). Im auditiven Bereich kann es vorkommen, dass Geräusche ausgeblendet werden. Das Kind überhört Laute mit höheren Tonfrequenzen wie bei den Lauten [s] und [f] und verwechselt ähnlich klingende Konsonanten wie b, p, t, k, und g. Diese Kinder machen zuhause auch bedeutend weniger Fehler als in der Schule bei einer gleichen Aufgabenstellung. Natürlich können diese Kinder dem Unterricht nicht zu 100 % folgen, da das Nicht-Ausblenden-Können der Hintergrundgeräusche zu vielen Problemen führt.

Weiterhin können diese Kinder unter Reiseübelkeit leiden (vestibulärer Moro) oder Koordinationsprobleme zeigen.

Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass Panikattacken oder gewisse psychische Störungen aufgrund eines persistierenden Moro-Reflexes bestehen können. Eine allgemeine Unsicherheit, Ängstlichkeit und/oder Furchtsamkeit ist bei diesen Kindern zu beobachten, da sie sich immer in „Alarmbereitschaft“ befinden.

Viele Kinder mit Verdacht auf ADS kämpfen täglich mit dem Moro.

Moro-Kinder sind infektanfälliger, haben häufiger Allergien und sind ggf. etwas überempfindlich (Medikamente). Unser Körper braucht bei einem Infekt eine stabile Abwehr. Die Hauptabwehrstoffe sind Adrenalin und Cortisol. Eine sofortige Steigerung/Ausschüttung dieser Stoffe ist bei einem Moro-Kind nicht/kaum möglich, da diese Stoffe ohnehin schon dauerhaft erhöht sind. Somit können diese Stoffe nicht oder nur in geringem Maße für die Erregerabwehr eingesetzt werden.

Auch sehen einige Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen dem Asthma bronchiale, der Neurodermitis und einem persistierenden Moro.

 

 

2.3 Der Such- und Saugreflex

 

Dieser Reflex entsteht zwischen der 24. und 28. SSW und wird ca. 3-4 Monate nach der Geburt gehemmt. Die Babys schlucken schon im Mutterleib Fruchtwasser und saugen am Daumen. Dieser Reflex ist besonders in den ersten Wochen nach der Geburt aktiv und drängt nach Befriedigung, da er die Überlebensfunktion bezüglich der Nahrungsaufnahme sichern soll. Wenn er in dieser Zeit nicht ausreichend befriedigt wird, persistiert er. Die ersten Saugbewegungen sind extrem wichtig, um die Saugfunktion zu erlernen. Verpasst man den Zeitpunkt, wird es eine Beeinträchtigung in der Entwicklung der Saug- und Schluckfunktion geben, und damit auch in der Entwicklung der orofacialen Muskulatur. Der Reflex wird durch eine Reizung der Mundwinkel und der Oberlippenregion ausgelöst. Durch die Reizung des Mundwinkels dreht das Baby den Kopf zur vermeintlichen Nahrungsquelle, der Mund wird geöffnet und die Zunge herausgestreckt (Saugreflex). Das Kind kann sich nun ernähren und sichert sein Überleben. Der Stärkegrad des Reflexes hängt auch etwas vom Hungergefühl des Babys ab. Ist das Baby hungrig, ist der Reflex stark auslösbar.

 

 

2.3.1 Auswirkungen eines persistierenden Such- und Saugreflexes

 

Der persistierende Reflex kann ursächlich bei einer myofunktionellen Störung sowie Sprach- und Sprechstörungen (undeutliches Sprechen/Nuscheln) sein. Durch eine Beeinträchtigung von Kau- und Schluckbewegungen wird das infantile Schluckmuster bleiben, wodurch es später zu einer kieferorthopädischen Maßnahme kommen kann. Auch ist klar, dass eine hypotone Muskulatur Einfluss hat auf die Artikulation. Das klassische Lispeln (Sigmatismus interdentalis) sowie alle anderen interdentalen Bildungen, könnten auf einen persistierenden Such- und Saugreflex zurückgeführt werden. Auffällig ist bei manchen Kindern, dass gewisse Laute auf allen Ebenen angebildet werden konnten, ein Transfer in die Spontansprache jedoch nicht gelingt. Die Sensibilitität dieser Kinder im Mundbereich ist noch sehr stark vorhanden, und ein persistierender Reflex kann dazu führen, dass die Zunge immer wieder aus dem Mund hängt oder oft vorgeschoben wird. Solche Kinder bevorzugen aufgrund ihrer hypotonen Muskulatur eher weiche Kost. Das Essen kann schon zu einem Erlebnis werden, da die Zunge nicht so arbeitet wie sie eigentlich arbeiten sollte. Sie befördert die Nahrung wieder nach draußen, die Muskulatur der Zunge wird sich durch fehlendes Kauen nicht gut entwickeln, bleibt zu weit vorne. Reife Kaubewegungen entwickeln sich erst gar nicht. Speichel wird nicht geschluckt, die Kinder schmatzen; einfache mundmotorische Übungen wie Pfeifen oder Pusten gelingen nicht. Diese Kinder haben auch später immer die Tendenz, noch irgendetwas anzuknabbern oder zu lutschen wie Bettdecke, Daumen, Haare, Stifte oder einen Sauger.   Viele Kinder zeigen zusätzlich noch eine motorische Ungeschicklichkeit, da der SSR mit dem Palmar-Reflex verbunden ist (Babkin-Reaktion).

 

 

 


2.4 Der Palmar-Reflex

 

 

Der Palmar-Reflex entsteht in der 11. SSW, ist bei der Geburt vollständig vorhanden, und wird im 2.-3. LBM gehemmt. Er wird durch einen Reiz in der Handinnenfläche ausgelöst. Durch einen Reiz (Berührung, Druck) schließen sich automatisch die Finger. Aus dem Palmar-Reflex entwickelt sich in der 36. Lebenswoche der Pinzettengriff. Aber zuvor gibt es das unwillkürliche Greifen, dann das Loslassen von Gegenständen, bis hin zum kontrollierten Griff. Die Fähigkeit des Loslassens trainiert der Säugling durch ständige Wiederholung. Innerhalb der ersten 12 Wochen sollte der Palmar-Reflex aktiv sein, mit ca. 4-6 Monaten sollte sich der Pinzettengriff entwickelt haben. Beim Saugen macht das Kind oft knetende Handbewegungen (Babkin-Reaktion). Die Babkin-Reaktion zeigt, dass neurologische Zusammenhänge zwischen der Handmotorik und Mundmotorik bestehen. Der Reflex wird beim Saugen verstärkt. Man kann beobachten, dass die Finger solange geschlossen bleiben wie der Reiz besteht.

 

 

2.4.1 Folgen eines persistierenden Palmar-Reflexes

 

Wenn der Reflex persistiert, wird das Kind keine verlässliche Abstützreaktion entwickeln. Daraus resultiert, dass das Kind eine ebenfalls schlechte Gleichgewichtsreaktion erwerben wird. Die Entwicklungsschritte des Loslassens und der Fingermotorik (Grob-und Feinmotorik) werden nicht adäquat erworben. Diese Kinder malen und basteln nicht besonders gerne. Außerdem zeigen sie in der Schule eine auffällige Griffhaltung bedingt durch den fehlenden Pinzettengriff. Durch die manuelle Ungeschicklichkeit wird das Kind auch nicht unbedingt mit Leichtigkeit das Schreiben erlernen. Aber neben diesen Problemen kann es ebenfalls zu Problemen im orofacialen Bereich sowie im Bereich Artikulation kommen. Dies entsteht durch die Babkin-Reaktion. Durch den Druck auf eine Handfläche dreht das Neugeborene den Kopf zur gleichen Seite und öffnet den Mund. Sobald man den Mundwinkel streichelt, wird die Hand auf derselben Seite zur Faust geballt und zum Mund geführt. Diese Hand-zu-Mund-Reaktionen sind bereits pränatal vorhanden und dienen zur Selbstberuhigung, zur Kontrolle der muskulären Aktivität und zur Selbststimulierung. Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Motorik des Mundes und der Hand. Die Zungenmuskulatur im vorderen Bereich kann sich schlecht unabhängig entwickeln, wenn der Greifreflex persistiert. Es lässt sich oft beobachten, dass bei manchen Menschen die Zunge aktiv wird und aus dem Mund herauskommt sobald sie eine feinmotorische Tätigkeit ausführen.

Dieser Reflex kann auch dazu führen, dass Kinder an einer taktilen Hypersensitivität leiden. Auch werden diese Kinder Probleme bei der Dysdiadochokinese der Finger haben.

 

 

2.5 Der Plantar-Reflex

 

Der Plantar-Reflex entsteht ebenfalls in der 11. Schwangerschaftswoche, ist bei Geburt vollständig vorhanden und wird im 7.-9. Lebensmonat gehemmt. Die Auslösung des Reflexes findet durch Druck oder Berührung auf den Fußballen statt. Die Zehen rollen sich ein als wollten sie etwas greifen, danach spreizen sie sich ab.

 

2.5.1 Folgen des persistierenden Plantar-Reflexes

 

Eine etwas andere Gangart ist die Folge dieses Reflexes. Das Kind kann nicht so gut stehen und auch gehen, weil es bedingt durch den unsicheren Stand Gleichgewichtsprobleme hat. Das Kind setzt permanent kompensatorische Ausgleichsbewegungen ein, wodurch es zu einem kuriosen Gangbild kommt sowie ggf. zu Fehlstellungen, die orthopädisch behandelt werden müssen. Manchmal haben diese Kinder die Neigung, auf Zehenspitzen zu gehen.


2.6 Der Asymmetrisch Tonische Nackenreflex

 

 

Dieser Reflex entsteht in der 18. SSW, ist bei der Geburt vollständig vorhanden und wird mit ca. 6 Monaten gehemmt. Er ist auch bekannt als die so genannte Fechterhaltung. Dieser Reflex kann aktiv als auch passiv ausgelöst werden. Die Auslösung des Reflexes wird von der Kopfbewegung bestimmt. Wird der Kopf nach rechts gedreht, strecken sich die Extremitäten auf dieser Seite, die der linken Seite werden gebeugt.

Dieser Reflex hat die Aufgabe den Geburtsprozess zu erleichtern, indem er dem Kind gewisse Bewegungen ermöglicht, die die Durchquerung des Geburtskanals fördern. Dieser Reflex bahnt Bewegungen, ermöglicht Streckung, entwickelt den Muskeltonus und fördert die Entwicklung des vestibulären Systems. Im Weiteren trainiert er die Auge-Hand-Koordination sowie das Nahsehen. Wie sehr ein Kind jedoch den Geburtsprozess unterstützt, ist abhängig vom Reifegrad des Reflexes. Zusammen mit dem spinalen Galantreflex wird für eine große Beweglichkeit des kleinen Körpers gesorgt. Nach der Geburt sorgt der ATNR dafür, dass das Kind in Bauchlage immer die Atemwege freihält. Er verstärkt den Streckmuskeltonus einer jeden Körperhälfte und bildet die Grundlage für spätere gezielte Bewegungen. Er führt durch seine Integration zum Erstarken des lebenslang vorherrschenden Amphibien- und segmentären Rollreflexes.

 

 

2.6.1 Auswirkungen eines persistierenden ATNR

 

Wenn der ATNR persistiert, dann werden viele verschiedene Fertigkeiten des Kindes beeinträchtigt werden. Schon intrauterin kann dies zu Problemen führen, da der Tonusaufbau durch den ATNR geschieht. Der ATNR muss sich in einem bestimmten Zeitfenster aufbauen, andernfalls werden diejenigen Reflexe, die sich vorher entwickelt haben, die führende Kraft bilden. Das ist zum Beispiel der TLR vorwärts. Er entsteht in der 12. SSW. Dadurch, dass durch einen schwach ausgeprägten ATNR der TLR die Oberhand behält, wird das Kind keinen richtigen Muskelaufbau haben und eher ein hypotoner Typ bleiben. Im Weiteren zieht das natürlich direkte Folgen in puncto der motorischen Entwicklung mit sich. Der Säugling muss sich aus der Neugeborenenflexion befreien und macht seine ersten willkürlichen Bewegungen. Diese werden sich kaum von undifferenzierten Massenbewegungen unterscheiden, wenn sie ohne Tonus durchgeführt werden. Das Kind wird diese Bewegungsmuster kaum in sein Repertoire von neu erworbenen Bewegungsmustern  aufnehmen und abspeichern. Das wiederum bedeutet, dass alle Sinne (Haltungssinn, Bewegungssinn, Gleichgewichtssinn) nur mit wenigen Informationen versorgt werden, wodurch keine besonders gute Entwicklung der einzelnen Sinne stattfinden kann. Auch können sich Dinge wie Körperschema, Raumwahrnehmung, Raumeinteilung, Zeit, Formen, Merkfähigkeit für Reihen/best. Abfolgen, Sequenzierung und Differenzierung nicht gut auf dieser Grundlage entwickeln.

Diese Kinder sind in der Regel eher beleibt, hypoton und bewegungsmüde, d.h. sie mögen Sport nicht gerne und lehnen Bewegung im Allgemeinen eher ab, da sie zu unbeholfen sind. Dies wird eine Entwicklungsverzögerung in verschiedener Hinsicht mit sich bringen. Erstens in motorischer Hinsicht, zweitens in sprachlicher. Eine gut funktionierende Motorik ist ausschlaggebend für eine positiv verlaufende Entwicklung in sprachlicher Hinsicht. Dazu gehört selbstverständlich noch viel mehr, aber hervorgehoben werden sollten noch das visuelle und auditive System, das jeweils dazu beiträgt.  Auch dies wird durch das Persistieren des ATNR nicht trainiert. Es wird eine Kreuzmusterbewegung beim Kriechen und Krabbeln behindert, die dann wiederum die weitere Entwicklung der Auge-Hand-Koordination sowie die Augenmuskulatur ausschließt bzw. stark beeinträchtigt. Letztendlich hat dies zur Folge, dass wichtige motorische Muster, verschiedene Sinnesbereiche sowie deren Vernetzung und Myelinisierung nicht entstehen und abgespeichert werden. Das hat auch Auswirkung auf das Gangbild, denn jede Bewegung des Kopfes führt zu einer Streckung der Extremitäten der entsprechenden Seite. Das Kind läuft im homolateralen Gang, der roboterhaft aussieht.

Durch die Hemmung des ATNR im 3.-9.Monat entwickelt das Baby die Fertigkeit, die Körpermittellinie zu durchkreuzen. Es kann nun beispielsweise Gegenstände von der einen Hand in die andere geben. In der Schule lernt das Kind problemlos schreiben, die Augen werden trainiert (unterschiedliche Distanz, besonders Weitsicht) und es kommt zur Unilateralitätsentwicklung. Wenn der ATNR nun persistiert, kann das Kind seine Mittellinie nicht oder nur mit Anstrengung kreuzen. Der ATNR ist eine Art Barriere, die das Kind daran behindert. Besonders in der Schule ist dies problematisch, da jedes Kopfdrehen eine Armstreckung mit Handöffnung auslöst. Das Kind entwickelt Kompensationstechniken, die viel Kraft und Energie fordern. Dies geht zu Lasten der Konzentrationsfähigkeit. Es wird mit verstärktem Druck geschrieben, so dass manchmal die Minen der Stifte abbrechen, oder das Blatt wird gedreht (oft bis zu 90 Grad) oder direkt an den äußeren Rand des Tisches gelegt, oder die Handschrift neigt sich nach oben oder unten. Ein ATNR- Kind wird Probleme mit allen Aufgaben haben, die von der Mittellinie des Körpers ausgeführt werden sollen (z.B. Raumaufteilung im Heft, Einhalten der Linien, Schriftbild). Solche Kinder ziehen meistens die Druckschrift vor, da die Hand keine Bogen/Verbindungen mit anderen Buchstaben ziehen muss und die Bewegungen schneller und kürzer sind. Die mündliche Ausdrucksweise ist somit meist besser, da das Schreiben viel Kraft, Aufmerksamkeit und Konzentration erfordert, so dass das Ausformulieren und die Anwendung automatisierter Muster wie Rechtschreibung und Grammatik nicht gewährleistet werden kann. Das Schreiben wird aufgrund der beschriebenen Problematik auch bei einem solchen Kind kein automatisierter Vorgang, wodurch es zu einem erheblichen Zeitverlust und einer erheblichen Fehleranzahl auf verschiedenen Ebenen kommt. Diese graphomotorischen Schwierigkeiten können zu einer Diskrepanz im mündlichen und schriftlichen Ausdruck führen. Mündlich kann ein solches Kind seine Gedanken besser zum Ausdruck bringen.

Die Unilateralität kann sich bei einem ATNR- Kind kaum entwickeln, da der Körper keine Einheit bildet. Es wird immer nur eine Körperseite gebraucht, so dass die Verbindung beider Hirnhälften sich kaum entwickeln kann. Das bedeutet, dass beide Hemisphären nicht die typische Spezialisierung entwickeln, sondern eher die gleichen Funktionen erlernen. Lateralität wird sich nicht ausprägen und potentielle Verarbeitungswege bestimmter Informationen entstehen erst gar nicht. Informationen gelangen also über verschiedene Wege in die verschiedenen Gehirnbereiche. Dort müssen sie verarbeitet und ausgeführt werden, was erschwert wird, wenn keine Präferenz besteht. Normalerweise besteht eine Präferenz der Augen, Ohren, Hände und Füße. Ein Auge muss die Präferenz haben, da sonst beide Augen die Führung übernehmen wollen wodurch es zum unscharfen Sehen und Verschwimmen von Bildern kommen kann. Das Kind wird vermehrte Fehler beim Lesen, Schreiben und Rechnen machen. Seitliche Augenbewegungen sind nur schwer möglich, da die Mittellinie überkreuzt werden muss. Die Weitsicht entwickelt sich ebenfalls nicht; die Einstellung auf unterschiedliche Distanzen ist erschwert,  ebenfalls die Ausrichtung der Augen auf eine bestimmte Stelle.  Dem Kind fehlt es an einer fließenden Bewegung, da immer nur eine Körperseite trainiert wurde, nicht beide zusammen. Die Zusammenarbeit beider Hirnhälften sowie die Ausbildung der Lateralität sind jedoch wichtig, um ein Körperschema und damit auch eine Beziehung zum Raum und der Umwelt herzustellen. Damit einher geht auch der Richtungssinn, der schon in der Krabbelphase trainiert wird. Das ist aber nur möglich bei einer gleichzeitigen Entwicklung der Lateralität, da nur so das Bewusstsein für Richtung geschaffen werden kann. So kann es kommen, dass die Raumrichtungen links und rechts durch eine fehlende Präferenz der Hand nicht automatisiert werden. Beim Lesen und Schreiben passieren dann solche Fehler wie das Verwechseln von Buchstaben (besonders b und d) und ein spiegelbildliches Schreiben. Das Verwechseln von Buchstaben lässt sich auch im artikulatorischen Bereich finden. Eine unvollständige Ausbildung einer auditiven Präferenz kann dazu führen, dass Kinder eine verlangsamte Lautverarbeitung haben. Dies wiederum kann dazu führen, dass die Kinder Laute vertauschen und eine verminderte Merkfähigkeit haben. Da die Verschaltung von der rechten Seite zur linken und andersherum geht, ist eine rechte Präferenz des Ohres am besten, da das Sprachzentrum linkshemisphärisch ist. Dies ist der kürzeste Verarbeitungsweg. Andernfalls kommt es zu einer Hörverzögerung, weswegen diese Kinder mit einer schnellen Erfassung des Inhalts Probleme haben. Sie wirken auf die Lehrer verträumt und desinteressiert oder einfach langsam und faul.

Es wird angenommen, dass das rechte Ohr andere Tonqualitäten als das linke Ohr aufnimmt. Man geht davon aus, dass das rechte Ohr die eher hochfrequenten Töne wahrnimmt. Diese sind für unsere Sprache relevant, und Kinder mit einer Linksohrigkeit überhören diese Töne. Ein Reproduzieren dieser Phoneme mit hoher Frequenz ist nur schwer möglich. Diese Kinder lesen und sprechen meist monoton. Auch sind sie nicht sehr musikalisch. Sie haben nur wenig Rhythmusgefühl.

Ca. 80% aller LRS- Kinder haben einen persistierenden ATNR.

Kinder, die einen persistierenden ATNR haben, leisten in der Schule eigentlich um ein Vielfaches mehr als nicht betroffene Kinder. Die ganze Zeit über kämpfen sie gegen diese Probleme an und versuchen zu kompensieren. Trotz vermehrten Fleißes oder gleicher Intelligenz erzielen sie jedoch schlechtere Ergebnisse als die Klassenkameraden.

 

 


2.7 Der Tonische Labyrinthreflex

 

 

Der Tonische Labyrinthreflex vorwärts

 

 

Der tonische Labyrinthreflex rückwärts

 

 

Der tonische Labyrinthreflex lässt sich einteilen in den TLR vorwärts und den TLR rückwärts. Der TLR vorwärts entsteht in der 12. SSW, ist zum Zeitpunkt der Geburt vorhanden und wird im Alter von 3-4 Monaten gehemmt. Der TLR rückwärts entsteht zum Zeitpunkt der Geburt, er wird nach ca. 2-4 Monaten gehemmt. Gleichzeitig entwickeln sich die Kopfstellreflexe und die Halte- und Stellreaktionen. Diese bleiben lebenslang bestehen. Als Brückenreflexe dienen der STNR und der Landaureflex.

Die Auslösung des TLR geschieht durch die Stimulation des Labyrinths in Form einer Kopfbewegung nach vorn oder hinten. Wird der Kopf nach vorn gestreckt, kommt es zu einer Beugung der Extremitäten; wird der Kopf nach hinten gebeugt, kommt es zu einer Streckung. Dies trainiert die Muskelspannung, das Gleichgewicht und die Tiefensensibilität.

Der TLR ist die erste Möglichkeit des Kindes mit dem Problem der Schwerkraft umzugehen. Ab dem 4. Lebendmonat sollten sich jedoch die Kopfstellreflexe und der Augen-und Labyrinthstellreflex entwickeln.

 

 

2.7.1 Folgen eines persistierenden TLR

 

Jede Kopfbewegung des Kindes führt dazu, dass der Muskeltonus verändert wird und das Gleichgewicht gestört wird. Der Gleichgewichtssinn wird sich nur schwach entwickeln. Um die Beugung bzw. Streckung zu kompensieren, wird meist die Gegenbewegung gemacht. Beim TLR vorwärts sieht man eher die Hypotonie, beim TLR rückwärts die Hypertonie. Beim TLR rückwärts sieht man häufiger Verspannungen einzelner Muskelgruppen. Da das Kind keinen Gleichgewichtssinn bzw. einen nur sehr schwachen entwickelt, wird es ihm kaum möglich sein, sich selbst in Beziehung zum Raum zu setzen. Das Kind sucht im Grunde   nach der eigenen „Mitte“, wodurch es natürlich keinen Bezugspunkt zum Raum aufbauen kann. Das aber wäre wichtig, um ein Gefühl für Raum, Höhe, Tiefe, Entfernung und Geschwindigkeit zu entwickeln. Diese Kinder können deswegen nur schlecht links und rechts oder die Himmelsrichtungen automatisieren. Diese Kinder leiden in der Regel unter Reiseübelkeit, haben ein schlechtes Zeitgefühl und eine schlechte Organisation in verschiedenen Bereichen (Abfolge von Reihen, Erkennen von Strukturen- auch in sprachlicher Hinsicht, Grammatik und Orthographie). Es kommt zu okulomotorischen Fehlfunktionen, da sich die Augen- und Labyrinthstellreaktionen nur unzureichend entwickeln. Diese Kinder müssen sich schon bei einfachen Anforderungen wie gerades Stehen oder Sitzen besonders anstrengen, um das Gleichgewicht halten zu können. Diese erhöhte Aufmerksamkeit geht zu Lasten der Bewältigung der Anforderung, da das Gehirn sich nur teilweise der Anforderung widmen kann. Die okulomotorische Dysfunktion (visuelle Wahrnehmungsprobleme, räumliche Wahrnehmungsprobleme) hat Einfluss auf den Vestibularapparat, da dieser nun mit verkehrten Informationen gespeist wird. Dies hat wiederum Auswirkung auf das Gleichgewicht und damit letztendlich wieder auf das Sehvermögen. Die Informationen laufen alle über die Vestibulariskerne, die im Hirnstamm verankert sind. Der Weg der Informationen geht über die Augen zu den Propriozeptoren und umgekehrt. Die Informationen aus dem Körper gelangen über die Propriozeptoren zu den Augen, und von dort aus zurück über die Vestibulariskerne zu den ausführenden Organen. Ein persistierender TLR speist die Vestibulariskerne mit Fehlinformationen, was Auswirkung auf den Informationsweg hat, da diese Informationen über die Kerne an die Propriozeptoren geleitet werden, welche ihrerseits diese Fehlinformationen wieder an die Augen weiterleiten. Die Informationen vom Gleichgewichtsapparat und Kleinhirn gehen ebenfalls zu den Vestibulariskernen. Wenn irgendein Glied in dieser Kette Fehlinformationen liefert, beeinflusst das alle anderen Systeme. Wenn der Gleichgewichtsapparat sich nicht vollständig entwickelt hat, wird das Einfluss auf die Augenbewegung haben, da sich beide im gleichen Reflexbogen befinden. Die Augen können dann schlecht fixieren, eine Feineinstellung vornehmen und nur schlecht ihre saccadischen Bewegungen vornehmen. Die Kinder haben Probleme mit dem Lesen, weil der Text als verschwommen wahrgenommen wird. Die Buchstaben „hüpfen“ und die Kinder können nur schlecht in einer Zeile bleiben. Auch passieren viele Abschreibfehler, da genau diese Bewegung (Abschreiben von der Tafel) den TLR stimuliert und die Kinder zu kompensieren beginnen, was zu Lasten der eigentlichen Aufgabe (Abschreiben) geht.

Ein persistierender TLR kann das Krabbeln verhindern, da bei der Hebung des Kopfes die Beine gestreckt werden. Das Krabbeln hat zwei Aufgaben. Erstens soll es die Muskeln, Gelenke und die Koordination unterstützen, und zweitens die Integration von vestibulärer, visueller und propriozeptiver Wahrnehmung veranlassen. Das Kind soll Erfahrung mit dem Raum und der Bewegung machen, damit alle Sinne gefördert werden. Außerdem wird über das Krabbeln auch der STNR abgebaut; es dient also auch der Hemmung. Mit dem TLR gelingt es den Kindern erst gar nicht zu krabbeln, und der STNR verweilt ebenfalls in dem System, da er gar nicht integriert werden kann. Erst mit der Hemmung des TLR kann der STNR als Brückenreflex dienen.

Für viele TLR-Kinder ist längeres Stehen sehr ermüdend, da die „Mitte“ immer neu gefunden werden muss. Viele Kinder haben ebenfalls Höhenangst, da sie einfach kein Gefühl der Balance, resultierend aus dem mangelnden Sinn für das Gleichgewicht haben. Zudem kommt beim TLR vorwärts noch die Beugetendenz erschwerend hinzu, sobald der Kopf nach vorne geneigt wird. Im Weiteren haben diese Kinder Probleme bei der Tiefenwahrnehmung, evt. bei der Umstellung von Nah- auf Weitsicht, bei Orientierung und bei der Figur-Hintergrund-Wahrnehmung.  Auch kann es passieren, dass selbst der sprachliche Bereich beeinträchtigt sein wird, da die Kinder mangels der fehlenden Kopfkontrolle sich nicht adäquat der Geräuschquelle zuwenden können. Sie sind zu langsam und können das Geräusch nicht lokalisieren. Dies ist die Basis für das Erlernen von Sprache. Kinder müssen sehen und hören können wie Laute gebildet werden, damit sie sie imitieren können.

Bei einem eher nach vorn gebeugtem Kind, mit evt. einem nach vorn gestreckten Kopf und einem schlaffen Muskeltonus, könnte der TLR vorwärts noch aktiv sein. Wenn das Bild eher steif, starr und verspannt ist, könnte ein persistierender TLR rückwärts dafür verantwortlich sein.

 

 

2.8 Der Symmetrisch Tonische Nackenreflex

 

 

Beugung

 

 

Streckung

 

 

Der STNR ist für kurze Zeit nach der Geburt präsent. Er zeigt sich dann wieder zwischen dem 8.-11. Monat für einen erneuten kurzen Zeitpunkt. Er hilft dem Baby sich aus der Bauchlage heraus aufzurichten und die Schwerkraft zu bewältigen (Vierfüßlerstand im  ca. 9. Monat). Wenn sich das Baby in der Bauchlage befindet, und es den Kopf hebt, strecken sich die Arme. Die Beine hingegen werden gebeugt, so dass sie unter den Körper gezogen werden können. Er hemmt den TLR,  indem er die Beuge- und Streckmuster aufbricht. Man bezeichnet den STNR als Brückenreflex. Die Bezeichnung „Brückenreflex“ entsteht dadurch, dass der STNR weder zu den primitiven Reflexen noch zu den Halte- und Stellreflexen zählt. Der STNR muss zum Zeitpunkt des Krabbelns gehemmt sein, da es andernfalls erst gar nicht zu einer Vorwärtsbewegung des Babys kommen kann. Dies erklärt sich so, dass die Kopfhaltung für die Stellung der Gliedmaßen verantwortlich ist. Das Heben des Kopfes führt zu einer Streckung der Arme und Beugung der Beine, das Sinken des Kopfes zu einer Beugung der Arme und Streckung der Beine. Es existiert eine scheinbare Trennung zwischen dem oberen und unteren Teil des Körpers, wenn das Kind den Kopf nach oben oder unten bewegt. Im Gegensatz zum TLR kann das Kind nun jedenfalls schon die Körperhälften unabhängig voneinander bewegen. Die eigentliche Fortbewegung aus dem Vierfüßlerstand heraus, das Krabbeln, kann nur erfolgen, wenn es zu einer Synchronisierung beider Körperhälften gekommen ist. Das Kind wippt im Vierfüßlerstand zunächst hin und her, bevor es im Kreuzmuster zu krabbeln beginnt (10. Monat). Durch das Krabbeln und den Vierfüßlerstand werden die visuellen Fähigkeiten trainiert.  Im Vierfüßlerstand trainiert das Baby den Blick in die Ferne und in den Nahbereich (Akkomodation). Diese Fähigkeiten werden durch das Krabbeln weiter trainiert und in Verbindung mit anderen Systemen (Propriozeption, Gleichgewicht) gebracht. Weiterhin werden die räumliche Wahrnehmung und die Formkonstanz erworben.

Der Abstand beim Krabbeln zwischen den Augen und der Hand ist genau der gleiche wie beim Lesen: Entfernung Augen/Buch. Beim Lesen ist es wichtig, dass die Augen nun die Körpermittellinie kreuzen können und die Zeile fixieren. Diese Fähigkeiten (Auge-Hand-Koordination, intakte Augenmuskulatur, Akkomodation) sollten zu diesem Zeitpunkt erworben sein.

 

2.8.1 Folgen eines persistierenden STNR

 

Kinder mit einem persistierenden STNR zeigen in der Sitz- und Stehhaltung (die Haltung der Kinder wird durch jede Vor- und Rückwärtsbewegung des Kopfes beeinflusst) einige Auffälligkeiten, da zwischen Ober- und Unterkörper eine Uneinigkeit besteht. Diese Auffälligkeiten beginnen aber schon in der Krabbelphase, da man mit einem STNR ja gar nicht krabbeln kann. Entweder vermeiden diese Kinder das Krabbeln gänzlich oder aber sie bewegen sich im Bärengang bzw. einfach auf dem Popo rutschend vorwärts. Diejenigen, die das Krabbeln vermeiden, stehen gleich auf und laufen los (sehr zum Stolz der Eltern…). Kinder mit einem persistierenden STNR krabbeln nicht synchron, da die Körperhälften noch nicht gut zusammenarbeiten. Außerdem drehen diese Kinder kompensatorisch die Hände nach außen, damit sie nicht einknicken können. Die Füße sind meist angehoben oder sogar gekreuzt.

Die Sitzposition dieser Kinder lässt sich wie folgt beschreiben: sie liegen schon fast auf dem Tisch (Rundrücken), beugen die Arme also extrem. Den Rundrücken zeigen diese Kinder auch beim Gehen (stark gebeugte Haltung). Obwohl diese Kinder immer und immer wieder zu einer ordentlichen, geraden Sitzposition ermahnt werden, können sie nicht lange in der korrigierten Haltung bleiben. Sie rutschen immer unruhig hin und her, wechseln oft die Sitzposition, schlingen die Beine um die Stuhlbeine und haben einen stark gebeugten Rücken. Dass das Essen in dieser Position nicht gerade leicht ist, kann man gut nachvollziehen. Hinzu kommen die Koordinationsschwierigkeiten (vertikale Augenbewegung), die sich auch in anderen Bereichen zeigen: z.B. Ballspiele, Abschreiben von der Tafel, Schwimmen.  Das Führen der Gabel zum Mund gelingt zum Leid der Eltern nicht immer treffsicher, da diese Kinder eine schlechte Auge-Hand-Koordination bei Bewegungen zum Körper hin oder vom Körper weg haben.

In der Schule kann es zu vermehrten Abschreibfehlern kommen, da die Akkomodation nicht gut genug trainiert wurde. Die schnelle Einstellung der Sichtweise von fern auf nah fällt diesen Kindern schwer. Außerdem kann es durch die mangelnde vertikale Augenbewegung zu Fehlern   beim schriftlichen  Rechnen kommen.

Bei 80% der Kinder mit LRS ist der STNR nachweisbar. Sehr viele davon sind kaum gekrabbelt. Somit konnte auch die Auge-Hand-Koordination nicht geübt werden. Auch wurde das Verfolgen der Hände mit den Augen nicht geübt.

Miriam Bender fand in einer Studie bezüglich Lernschwierigkeiten mit einer Kontrollgruppe heraus, dass 75% der Kinder mit Lernschwierigkeiten über einen persistierenden STNR verfügen. In der Vergleichsgruppe fand man nicht ein einziges Kind mit einem STNR. Weiterhin belegt ihre Arbeit, dass sich die Lernschwierigkeiten mit zunehmender Kontrolle des STNRs verringerten. O`Dell und Cook stellten sogar fest, dass sich neben den Lernschwierigkeiten auch die Symptome von ADS/ADHS verringerten.

Ältere STNR-Kinder wirken faul oder träge (hypoton), da sie nicht längere Zeit in einer aufrechten Haltung bleiben können. Sie werden schnell zappelig, wenn sie längere Zeit stehen oder sitzen müssen. Das liegt an der mangelnden Muskeltonusverteilung, die die Aufgabe hat, der Schwerkraft entgegenzuwirken.


2.9 Der Spinale Galantreflex

 

 

Der spinale Galantreflex entsteht in der 20. SSW, ist zum Zeitpunkt der Geburt aktiv, und wird mit ca. 3-9 Monaten gehemmt. Seine Funktion ist es, den Geburtsvorgang auf aktive Weise zu unterstützen. Die Auslösung des Reflexes findet durch ein Streichen seitlich der Wirbelsäule statt. Die Hüfte zieht in einem 45 Grad Winkel zu der entsprechenden Seite. Der Reflex sollte auf beiden Seiten auslösbar sein. Durch das Zusammenziehen der Muskeln im Geburtskanal wird diese Rotationsbewegung ausgelöst. Die Flexibilität der Hüfte kann so den Geburtsvorgang unterstützen.

Es liegt weiterhin die Vermutung nahe, dass dieser Reflex in der Schwangerschaft als primitiver Schallleiter fungiert. Auch sieht man einen Zusammenhang mit der Blasen- und Verdauungsfunktion.

 

 

2.9.1 Folgen eines persistierenden Spinalen Galantreflexes

 

Das Kind wird im Hüftbereich hypersensibel sein. Das bedeutet, dass engere Kleidung für das Kind ggf. unangenehm sein wird bzw. das Kind nervös macht. Durch die Hypersensibilität im Hüftbereich kann es zu einer übertriebenen Hüftrotation auf einer Seite kommen, wodurch das Gangbild von dem anderer Kinder abweicht. Das Kind wird weiterhin Probleme haben, ruhig auf einem Stuhl zu sitzen. Das Kind wird eher umherzappeln als sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Es hat das Bedürfnis nach ständiger Bewegung. Das Wesentliche geht verloren, da das Kind sich nur schlecht konzentrieren kann und evt. unter einem Kurzzeitgedächtnis leidet. Auch kann es sein, dass Kinder, die älter als 5 Jahre sind, noch einnässen aufgrund des persistierenden Reflexes. Auch ist es möglich, dass Menschen mit Verdauungsproblemen noch Restreaktionen des Spinalen Galantes zeigen. Persistiert der Spinale Galantreflex, kann er die Entwicklung des segmentären Rollreflexes behindern und sich so negativ auf flüssige Bewegungsabläufe auswirken.                                                                                                        


 

3. Literaturverzeichnis

 

Beigel, Dorothea „Flügel und Wurzeln“

Blythe Goddard, Sally „Greifen und Begreifen“

Blythe Goddard, Sally „Warum Ihr Kind Bewegung braucht“

Faller, Adolf „Der Körper des Menschen“

Holle, Britta „Die motorische und perzeptuelle Entwicklung des Kindes“

Lingen-Verlag „Der Mensch“

Straßburg/Dacheneder/Kreß „Entwicklungsstörungen bei Kindern“

 

4. Fragebogen

 

Liebe Eltern,
neben den eigentlichen Problemen, die Ihrem Kind und Ihnen das Leben schwer machen, besteht häufig noch das zusätzliche Problem, die Ursache hierfür und natürlich auch die richtige Anlaufstelle zu finden, besonders dann, wenn es sich um Probleme handelt, die unter so weit gefasste Dachbegriffe fallen wie Verhaltensstörungen (darunter Konzentrationsstörungen, Hyperaktivität, Aggressivität, Schüchternheit), Lernstörungen (Legasthenie, Dyskalkulie, etc.), Wahrnehmungsstörungen (auditiv/visuell/taktil), Bewegungsstörungen (grobmotorisch, feinmotorisch) oder ganz allgemein Entwicklungsverzögerungen. Hierfür gibt es viele mögliche Verursachungszusammenhänge, doch leider finden Eltern viel zu selten eine zentrale Institution, in der umfassend alle in Frage kommenden Ursachen überprüft werden.

 

Mit dem vom INPP entwickelten Fragebogen haben Sie selber die Möglichkeit, erste Hinweise darüber zu erhalten, ob die Probleme, die Ihr Kind hat, auf eine neurophysiologische Entwicklungsverzögerung zurückgeführt werden können, die dadurch gekennzeichnet ist, dass ein Kind eine oder mehrere Phasen in seiner frühkindlichen Entwicklung entweder ausgelassen oder verzögert durchlaufen hat. Hierfür können fortwirkende Restreaktionen frühkindlicher Reflexe verantwortlich gemacht werden, die über ihre eigentliche Waltezeit im 1. Lebensjahr hinaus die nachfolgende Entwicklung in vielerlei Hinsicht beeinträchtigen können.

 

Die einzelnen Fragen des Fragebogens beruhen auf mittlerweile genau untersuchten Zusammenhängen zwischen Reflexaktivität und Entwicklungsauffälligkeit.
Je nach Menge Ihrer Ja-Antworten erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass die Probleme Ihres Kindes auf sehr frühe Entwicklungsstörungen aufgrund fortbestehender frühkindlicher Reflexe zurückzuführen sind. Bei 8 Ja-Antworten und mehr (bis zur Phase des Schuleintritts) ist eine neurophysiologische Entwicklungsförderung für Ihr Kind eine überaus nahe liegende Behandlungsmethode.
(Dies ist das Ergebnis einer im British Journal for Occupational Therapy 1998 veröffentlichen statistischen Auswertung des INPP-Fragebogens in Bezug auf die damit erhaltene Wahrscheinlichkeit, dass den Problemen eines Kindes eine neurophysiologische Entwicklungsverzögerung zugrunde liegt. Vgl. Goddard, Hyland, Screening for Neurological Dysfunction in the Specific Learning Difficulty Child)

 

Dann wenden Sie sich bitte an einen INPP-Therapeuten in Ihrer Nähe, der dann mit vielen weiteren Zusatz- und Nachfragen diesen Fragebogen erneut mit Ihnen durchgehen wird, um auch seinerseits sicher zu sein, dass der INPP-Ansatz für Ihr Kind die erfolgsversprechende und zielgenaue Behandlungsmethode ist. Dieses Gespräch kann bis zu 2 Stunden dauern.

 

(übernommen von www.inpp.de)

 

Sie können sich hier den Fragebogen herunterladen und für den eigenen Bedarf benutzen bzw. mir gerne zur Durchsicht via Mail oder Fax zusenden.

 

Fragebogen